Kennt Architektur Regeln – grundsätzliche Gedanken zum Bauen

Architektur Regeln

Nicht nur in Münster wird das städtebauliche und architektonische Ensemble der Innenstadt durch Neubauten, die sich einer – historisch betrachtet – eher ungewöhlichen Architektursprache bedienen, verändert. Flachdächer ohne Dachüberstand, bündig ausgeführte Fassadenflächen ohne Fensterbänke oder weit auskragende, scheinbar „schwebende“ Gebäudeteile, die den Gesetzen der Schwerkraft trotzen, sind oftmals ein Teil solcher Architekturen. Anleihen in der Bauhistorie sind bisweilen schwer zu finden. Wie können solche Motive eingeordnet werden? Ist die Bewertung von Architektur rein subjektiv nach dem „Gefallen“ vorzunehmen, oder gibt es doch Richtlinien oder Regeln, die hier mehr Objektivität geben können?

Das Erstellen von Gebäuden ist eine Kunst / ein Handwerk mit einer jahrtausendealten Tradition. Bereits Vitruv (ca. 70 – 15 v. Chr.) – nennt in seinem berühmten Traktat „De architectura libri decem“ (dt.: „Zehn Bücher über die Baukunst“) die drei Hauptanforderungen an die Architektur, nämlich:

Firmitas (Festigkeit), Utilitas (Nützlichkeit) und Venustas (Schönheit).

Wenn auch der Aspekt der städtebaulichen Einbindung eines Gebäudes in seinen Ausführungen vielleicht etwas zu kurz kommt, so haben diese grundsätzlichen Anforderungen bei der isolierten Betrachtung nur eines Gebäudes bis heute eine beinahe universelle Gültigkeit.

Auch bei Betrachtung eines einzelnen Architekturmotives lässt sich anhand dieser Kriterien sehr einfach eine Bewertung vornehmen.

Greift man auf das oben genannte Beispiel der flächenbündigen Fensterbank zurück, so kommt man zu folgendem Ergebnis:

Hinsichtlich der hinsichtlich der Festigkeit (Firmitas ) sollten sich keine Probleme ergeben – eine bündige Fensterbank ist ähnlich einfach zu befestigen und stabil zu konstruieren wie eine Fensterbank, die deutlich vor die Fassadenfläche tritt.

Die Nützlichkeit (Utilitas) der bündig ausgeführten Fensterbank, nämlich die Erfüllung der Funktion des kontrollierten Abführen von Niederschlagswasser – und damit die Sicherstellung einer guten Alterungsfähigkeit des Gebäudes – ist stark eingeschränkt, denn das Wasser fließt aus den Fensternischen direkt auf der Fassadenfläche, was gerade bei saugenden Fassadenmaterialien (heller Putz, saugende Natursteine / Backsteine) in absehbarer Zeit zu unschönen „Rotznasen“ und Veralgung führen kann. Im Gegensatz dazu wird bei der entschieden vor die Fassadenfläche gezogenen Fensterbank mit unterseitiger Wassernase die Niederschlagsflüssigkeit sicher vor der Fassadenfläche abgeführt, so dass diese in Würde altern kann. Die Nützlichkeit des Bauteiles ist also im letzteren Fall uneingeschränkt gegeben.

Wie sieht es nun mit der Schönheit (Venustas) aus? Dieser Aspekt kann nach Ansicht des Autors sehr kontrovers diskutiert werden. Wo liegt überhaupt der tektonische Reiz einer bündig ausgeführten Fensterbank, der das Inkaufnehmen einer klaren funktionalen Einschränkung rechtfertigt? Kann nicht der feine Schlagschatten, den die entschieden aus der Fassadenfläche herausgezogene Fensterbank wirft – gerade bei rhytmisch gegliederten Fassaden – der plastischen Wirkung und Kraft eines Gebäudes sehr gut zu Gesicht stehen? Ganz abgesehen von der damit einhergehenden „Inszenierung“ eines wichtigen funktionalen Elementes eines jeden Gebäudes im Sinne des in Fachkreisen eigentlich beliebten und etwas überstrapazierten Leitspruches „Form follows function“.

Unabhängig davon kann es durch die funktionsferne Ausführung (siehe Nützlichkeit) nach einiger Zeit an den Wetterseiten des Gebäudes unter den Fenstern zu unschönen dunklen Flecken kommen, die die Frage der Schönheit vermutlich endgültig beantworten.

Beginnt man damit, Gebäude und ihre Einzelteile nach dem am Beispiel untersuchten Schema  zu betrachten, so kann eine differenzierte und relativ sachliche Bewertung gelingen, die nicht erstrangig auf subjektiver Einschätzung basiert.

Es stellt sich dabei heraus, dass viele Architekturmotive, die seit Jahrtausenden in Gebrauch sind, in den meisten Fällen stichhaltig auf mehreren Ebenen zu begründen sind.

Auf der anderen Seite bleibt die Erkenntnis, dass gerade bei „modernen“ Gebäuden, die sich bewusst jedweder „Verankerung“ in der Baugeschichte entziehen, über rein formalistische oder optische Gesichtspunkte hinaus weitere elementare Aspekte einer Architektur / eines Architekturmotives oftmals nicht weiter durchdacht werden. Über die Dauer der Nutzung wird das höchstwahrscheinlich spätestens mittelfristig spür- und sichtbar.

In einer Gesellschaft, in der Oberflächlichkeiten ein immenser Stellenwert eingeräumt wird, ist das nicht weiter verwunderlich – wünschenswert ist es indes nicht, denn die Baukunst nimmt über die die Gestaltung menschlicher Lebensräume direkt Einfluss auf das Wohlbefinden und Miteinander der Menschen. Daher sollte eine gewissenhafte Bearbeitung architektonischer Aufgaben mit höchstmöglicher „Bearbeitungstiefe“ hier von großer Bedeutung sein.

 

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